Collettivo di Fabbrica ex-GKN, Florenz – was hat das mit uns zu tun?

Die Arbeiter der ehemaligen Achswellenfabrik GKN halten ihr Werk besetzt, kämpfen für den Erhalt ihrer Arbeitsplätze und dafür, etwas ökologisch und sozial Sinnvolles produzieren zu können.

Am 4. März 2023 kamen sechs Arbeiter in einer Nacht- und Nebelaktion, um auf der Versammlung der Klimabewegung in Berlin zu sprechen, eine richtungsweisende Veranstaltung, die inspiriert und Orientierung bietet. Sehr eindrucksvoll berichtete Dario:

Wir haben uns die Fabrik zurück geholt

Im Jahr 2018 wurde die GKN-Gruppe von einem Finanzfond gekauft, Melrose, dessen Motto lautet: „Buy, Improve, Sell!“ Kaufe, verbessere, verkaufe! Bedeutet umstrukturieren, schließen, entlassen, um die Gewinne zu steigern. Melrose hat 2021 einen Verlust gemacht von 100 Millionen. 2022 hat es einen Gewinn von 300 gemacht. Er hat GKN Florenz geschlossen, GKN Birmingham geschlossen und andere Fabriken der Luftfahrtindustrie. Er hat GKN Kaiserslautern geschlossen und die Schließung von GKN Zwickau angekündigt.

Sie haben ihre Arbeit gut gemacht, denn das ist ihr Job. Man kann nicht gleichzeitig das Finanzsystem akzeptieren und Entlassungen beweinen. Wenn man das Finanzsystem akzeptiert, muss man unvermeidlich akzeptieren, dass die Fabriken per Mausklick geschlossen werden oder mit einer Mail, wie es uns passiert ist, im Namen der Aktionäre. Der Verkauf an Melrose machte klar, dass wir uns vorbereiten müssen und unsere Organisierung beschleunigen. Wir konnten aufbauen auf das Erbe der 1970er Jahre, denn GKN Florenz war die alte Fiatfabrik, in der junge Leute versucht haben, Gewerkschaft auf andere Weise zu leben, ein gewerkschaftliches, demokratisches, kämpferisches Modell aufzubauen, eine Tradition, die uns bis zur Gründung des Fabrikkollektivs 2018 und der Einführung der Betriebsdelegierten führte. Denn wir haben nicht nur gestreikt, Rechte, Löhne und Verträge durchgesetzt. Wir wussten genau, wenn wir unsere Fähigkeit, die Fabrik zu kontrollieren, nicht ausweiten, werden eines Tages alle Vereinbarungen, die wir unterzeichnet hatten, nichtig sein. Es ist ein abgekartetes Spiel. Wir streiken und kämpfen, um Verträge zu bekommen, doch im günstigen Moment setzen sie sich darüber hinweg. Selbst wenn du im Recht bist, ist es zu spät, denn in der Zwischenzeit wurde die Fabrik bereits geschlossen. Am 9. Juli 2021, es war ein Freitag, sagten sie, wir sollen zu Hause bleiben, weil es wenig Arbeit gibt. Am Vormittag erhalten wir eine E-Mail, dass wir alle gefeuert sind, dass wir die Fabrik nicht mehr betreten werden. Offensichtlich auch eine Form von psychischer Gewalt. Wir versammelten uns vor den Toren, weil wir uns schon lange auf diesen Fall vorbereitet hatten. Die Tore waren geschlossen, drinnen waren bewaffnete Wachen. Wir gingen rein und holten uns die Fabrik zurück. Seit dem 9. Juli 2021 sind wir in einer permanenten Versammlung.“

Keine Mitbestimmung über das, was wir produzieren

„Wir reisten zum Klimacamp nach Mailand im September. Auf einer Demonstration von Fridays For Future mit vielen tausenden Menschen sagten wir ihnen etwas einfaches: denkt nicht, dass wir die Autoindustrie verteidigen gegen die ökologische Wende. Wir wurden nicht gefragt, was wir produzieren wollen und deshalb wollen wir nicht verantwortlich gemacht werden. Wenn wir verantwortlich gemacht werden, dann wollen wir entscheiden was, für wen und wie viel wir produzieren. Eine Achswellenfabrik wie unsere kann in die öffentliche Autobusproduktion eingegliedert werden, um die Fabriken zu erhalten, die die private Autoindustrie aufgibt, für die Produktion von öffentlichen Verkehrsmitteln und eine Mobilität zu schaffen, die wirklich umweltverträglich, elektrisch und kostenlos ist. Eine Produktion, die unsere Mobilität tatsächlich öffentlich und nachhaltig macht!“

Auch in Deutschland gibt es keine Mitbestimmung über die Produktion, auch bei VW nicht, auch nicht mit dem besten Mitbestimmungsgesetz in unserem Staat. Wir alle tragen die Folgen einer Produktion, die unsere Lebensgrundlagen zerstört. Wir zahlen mit unserer Gesundheit, mit unserem Leben für eine Produktion, die den Reichtum weniger generiert. Das zeigt deutlich, die Linie verläuft nicht zwischen den Lohnabhängigen und der Klimabewegung. Sie verläuft zwischen den Konzernen, dem System der Profitmaximierung für wenige Reiche und allen anderen.

Es gibt nur einen Kampf

„Unser Kampf hat nicht begonnen, indem wir über Umweltschutz geredet haben oder indem wir über Konvergenz und die Notwendigkeit gesprochen haben, die Kämpfe der Arbeiter und der Umweltbewegung zu verbinden, sondern wir haben aus unserer Erfahrung gelernt, dass beides notwendig ist. Die Verbindung zwischen Umweltbewegung und der Arbeiterbewegung ist nicht bloß eine abstrakte Notwendigkeit (das ist sie auch), sondern eine praktische Notwendigkeit. Sie ist die einzige Möglichkeit, die wir als Arbeiter haben, um tatsächlich unsere Rechte, unsere Arbeitsplätze und unsere Löhne zu verteidigen. Es gibt also nicht den ökonomischen Kampf der Arbeiterbewegung, der dann irgendwann durch einen seltsamen Altruismus auch zur Umweltbewegung wird. Es gibt nur einen Kampf. Für das Leben, für die Fähigkeit, vom eigenen Lohn zu leben, mit eigenen Rechten, mit der eigenen Zeit. Das Leben ist die Luft, die wir atmen, das Leben ist das Territorium, das wir durchqueren. Das Leben ist die Fähigkeit der Menschen, ihre Arbeitsplätze zu verteidigen, aber auch zu entscheiden: Wem nützt deine Arbeit? Welche Welt wird sie hinterlassen? In welcher Welt findet sie statt?“

Wie werden diese Fragen bei VW beantwortet? Werden sie überhaupt gestellt? Bei der Work / Life / Progress Veranstaltung der IG Metall am 26. April in Braunschweig zum Thema „Wandel – sozial und ökologisch“ gab es eine klare Antwort. Bei den Entscheidungen über die Produktion darf die Gewerkschaft nicht mitreden. So weit so schlecht. Tragisch ist die Entscheidung der Gewerkschaftsführung, es dabei zu belassen. Sie macht sich nicht stark für mehr Mitbestimmung, sie legt kein Konzept vor, wie der Wandel sozial und ökologisch gestaltet werden kann.

Die Gewerkschaft braucht ein gesellschaftspolitisches Mandat

Statt in der Sackgasse „Sozialpartnerschaft“ stecken zu bleiben, muss die Gewerkschaft ein gesellschaftspolitisches Mandat erringen. Du kannst auf tarifpolitischem Weg weder die Klimakatastrophe noch die Verarmung breiter Bevölkerungsschichten bekämpfen. Das ist absolut undenkbar. Es ist nicht der Job der Konzerne, Sozialpartner zu sein. Ihr Job ist es Profite zu machen für die Aktionäre. GKN gibt uns ein anschauliches Beispiel dafür, wie der Kapitalismus funktioniert und warum der tarifpolitische Weg nicht ausreicht:

„Die multinationalen Konzerne feuern dich mit einer Mail, nachdem sie dich mit endlosen runden Tischen beschäftigt haben, bei denen am Ende nichts herauskommt. Über Jahre hinweg und mit öffentlichen Geldern, nicht um die Fabriken wieder in Gang zu bringen, um uns Sozialpläne und Arbeitslosengeld zu geben, sondern um uns hin zu halten, damit wir nichts machen, bis wir von selbst kündigen. Deshalb erarbeiten wir zusammen mit solidarischen Menschen aus Wissenschaft und Forschung unseren Plan für nachhaltige Mobilität und im Dezember 21 berufen wir eine Versammlung in der Fabrik ein, wo wir ihn vorstellen. Und auf dieser Grundlage fordern wir eine Intervention des Staates. Gleichzeitig halten wir uns bereit, wieder zu mobilisieren, wenn Melrose die Entlassungen wieder aufnimmt. Genau in diesem Moment, in dem wir über öffentliche Intervention reden, taucht der Berater von GKN auf und sagt, dass er GKN Florenz kauft, um die Entlassungen zu stoppen. Es gibt also einen weiteren Sieg. Denn dieser Unternehmer sagt zu, die Entlassungen und die Liquidation der Fabrik zurück zu ziehen und einen Investor zu bringen. Denn er hat weder Kapital noch ein neues Produkt. Wir haben einen starken Zweifel an diesem Versprechen der Investoren, ob es nur dazu dient, Zeit gewinnen und uns weiter zu zermürben. Denn eine soziale Mobilisierung kann nicht unbegrenzt andauern. Die Solidaritätsbewegung um uns herum entspannt sich und geht nach Hause. Die einzige Möglichkeit, zu prüfen, ob dieser Investor tatsächlich kommt, besteht darin, die Konvergenz noch weiter zu verstärken. Weshalb wir am 26. März zu einer landesweiten Demonstration in Florenz aufrufen. Zusammen mit dem Klimastreik des 25. März also vertieft sich die Konvergenz. ….. Natürlich greifen sie uns deswegen an und sagen, GKN macht Politik statt Gewerkschaftsarbeit. Aber das war die einzige Möglichkeit, uns zu behaupten, um unsere Existenz zu sichern auch an der Gewerkschaftsfront.“

Aus den Erfahrungen von ex-GKN können wir lernen, wie auch immer der Prozess ausgehen wird, so wie wir auch aus den Kämpfen in Deutschland lernen können wie z.B. bei Opel Bochum, als die Gewerkschaftsführung sich entscheidend auf die Seite des Konzerns geschlagen hatte. Dabei hat die IG Metall hat die nötigen Voraussetzungen. In der

„SATZUNG DER IG METALL
Beschlossen auf dem 24. Ordentlichen Gewerkschaftstag der IG Metall
vom 6. bis 12. Oktober 2019 in Nürnberg
Gültig ab 1. Januar 2020“ heisst es unter § 2, Abs. 4:

㤠2 Aufgaben und Ziele der IG Metall

4. Erringung und Sicherung des Mitbestimmungsrechtes der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen im Betrieb und Unternehmen und im gesamtwirtschaftlichen Bereich durch Errichtung von Wirtschafts- und Sozialräten; Überführung von Schlüsselindustrien und anderen markt- und wirtschaftsbeherrschenden Unternehmungen in Gemeineigentum;“

Das sind gute Voraussetzungen. Auch das Grundgesetz hilft uns bei der anstehenden Vergesellschaftung relevanter Bereiche wie Energie, Gesundheit, Mobilität und Wohnen, wenn wir uns auf den Weg machen.

Hier im Blog werden wir die Entwicklung von ex-GKN weiter verfolgen und rufen zur Solidarität auf. Spendet für das Kollektiv

https://www.produzionidalbasso.com/project/gkn-for-future/

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